
Sainte-Sabine, den 4. Januar 1998 Liebe Freunde und Verwandte, Schon hat der Januar Einzug gehalten, und aus meinem geplanten Weihnachtsrundbrief wird nun halt ein Neujahrsbrief. So möchte ich Euch allen vorab von Herzen ein glückliches, gesegnetes Neues Jahr wünschen! So ein Jahresanfang ist auch Gelegenheit zum Rückblick, und so möchte ich Euch erzählen, was für uns 1997 alles gebracht hat. Es war das zehnte Jahr, das wir in unserer zweiten Heimat verlebt haben, und am ersten April sind wir alle vier endlich auch kanadische Staatsbürger geworden, wobei wir aber unser Schweizer Bürgerrecht behalten haben. Auf der Farm geht es weiterhin recht gut. Seit Februar haben wir wieder einen Angestellten, was arbeitsmässig eine Erleichterung ist. Im Juni war es sehr trocken, so dass wir nur sehr wenig Heu machen konnten. Dafür war die Maisernte dann recht zufriedenstellend, und so sollten wir doch genug Futter haben. Im Moment haben wir 200 Stück eigene Tiere und 37 Rinder in Pension. In den letzten Wochen gab es recht viele Kuhkälber, so dass die Hüttchen draussen bevölkert sind. Dazu kommen unsere drei Hunde Bänzli, Perry und Lumpi, eine Unmenge Katzen, ein paar verstrubelte alte Hühner und seit diesen Sommer drei Gänse : Witschliwatsch, Emma und Philemon der Böse, der Ganter, der einen in die Waden beisst. Die Buben machen sich. Adrian ist in der 4. Sek., möchte nach wie vor fliegen, beschränkt sich vorerst aber aufs Autofahren. Er hat im Dezember die Fahrprüfung bestanden, bei uns ist das Mindestalter dafür 16, und dies hat er ja im Juni erreicht. Er ist jetzt auch in der Football- Equipe der Schule (American Football), bei den " Asterix ", das hat im Spätsommer und Herbst sehr viel seiner Zeit in Anspruch genommen, was sich dann auch auf sein Zeugnis ausgewirkt hat… aber er nimmt das Lernen jetzt wieder ernster. Im Stall ist er erster Silokarrenfahrer, abends und an freien Tagen. - Michael in der 2. Sek ist noch immer unser Bücherwurm und Musiker. Seine Geige liebt er sehr, und in der Schulmusik hat er vom Tenorhorn auf die Tuba gewechselt. Die Schule macht ihm wenig Mühe, und seit er viel mehr liest, haben sich seine Franznoten auch gebessert. - Res und ich geniessen es, einmal im Monat ein freies Wochenende zu haben, oder jedenfalls ich, Res ist es noch nicht immer ganz geheuer dabei. Aber so können wir doch ab und zu etwas Besonderes unternehmen, einen Besuch machen, von dem man nicht heim in den Stall " jufeln " muss oder, wie im Dezember, an ein Gospelkonzert nach Montreal fahren. 27. Januar 1998 Soweit war ich gekommen mit meinem Brief, und dann kam der Eisregen. Ich nehme an, dass die meisten von Euch davon in den Medien vernommen haben. Für uns bedeutete dies, zwei Wochen mit dem Generator Strom zu machen und seit bald drei Wochen sind wir noch immer ohne Telefon…Ich möchte Euch nun einfach teilhaben lassen an unserem Erleben mit einigen Tagebuchauszügen. 6.1.98 Eisregen, dass die Bäume brechen, und seit acht Stunden haben wir keinen Strom mehr. Die Buben haben schon den zweiten Tag keine Schule, und ich koche auf dem Fonduerechaud. Res setzt nun doch den Generator in Gang, es ist neun Uhr vormittags und die Kühe muhen unzufrieden. Man hört auch Hunde bellen und ein paar Traktormotoren, aber sonst ist es ganz still. Wir sind schon unwarscheinlich abhängig von der Elektrizität: ohne sie ist kein Wasser, keine Heizung und nicht eine Maschine läuft. Ich kann Wäsche zusammenlegen oder Socken flicken, aber es wird langsam kalt im Haus. Irgendwie wird einem klamm ums Herz, ich habe fast ein wenig Angst… 8.1.98 6 00 h morgens bei Kerzenlicht Gestern hatten wir fast den ganzen Tag wieder Strom, aber gegen Abend hat der Eisregen wieder angefangen. Die Bäume sehen entsetzlich aus. Ich habe mir Adrians Walkman geliehen um Radio zu hören. Der Notstand wird ausgerufen, 880 000 Haushalte hier in Québec sind heute ohne Strom. Da sind wir ja gut dran mit unserem Generator, auch wenn er nicht besonders leistungsfähig ist. Die Männer sind gerade daran, ihn wieder einzurichten. Die Farmen ringsum haben Licht, aber sonst ist alles finster. 18 10 h Es regnet und friert noch immer, es heisst, wir hätten nun für einige Tage keinen Strom mehr. Heute vormittag habe ich mit Res im Auto eine Runde gemacht. Überall sieht es furchtbar aus, Marianne meinte " wie nach einem Bombenangriff ". Grosse Bäume sind zersplittert, einzelne Aeste ragen nackt in den Himmel, die Zweige liegen abgebrochen am Boden. In Farnham sind Strommaste gebrochen und die Drähte liegen am Boden. Es wird Wochen dauern, bis alles aufgeräumt ist und Jahre, bis sich die Wälder erholt haben werden. 9.1.98 vormittags Eine unruhige Nacht liegt hinter uns. Um 2 h ist der Strompfosten vor dem Haus gebrochen, einfach unter dem immensen Gewicht des Eises. Die Kabel liegen auf der Strasse - und die Bäume bersten weiterhin, alles sieht gespenstisch aus. Jetzt haben wir auch kein Telefon mehr, da auch diese Leitung gerissen ist. Aber wir können doch immerhin zuhause bleiben, wir können Strom machen, haben unsere Tiere und können unsere Arbeit weiterführen.Viele, viele Menschen hier in Québec haben die Nacht in einer Notunterkunft verbringen müssen. 1 350 000 Haushalte sind ohne Strom. In St-Césaire ist die grosse Transformatorenstation ausgestiegen, und die grossen Metallmaste der Üeberlandlinie sind unter dem Gewicht des Eises zusammengebrochen. Eben kam Adrian und sagte, dass ALLE Strompfosten am Rang de la Gare gebrochen sind und dass das Kabel zwischen Haus und Stall auch am Boden liegt. Das wärs dann also…Jetzt können wir nicht mehr heizen, kochen, telefonieren und mit dem Auto können wir auch nicht mehr fort, unsere Strasse ist unpassierbar. Am Abend Nun haben wir heute doch allerlei Schwierigkeiten meistern können. Gegen 11 00 h kamen Feuerwehrleute und räumte wenigstens die Strasse frei. Jetzt liegen die Kabel wie Spaghetti auf dem Platz herum. Wir hatten Angst um den Pfosten, der zwischen den (ehemaligen…) Hängemattenbäumen steht, aber er hat gehalten bis jetzt. Kurz nach Mittag stieg Res aufs Hausdach und konnte tatsächlich das Stromkabel provisorisch wieder flicken, so dass wir doch wieder ein recht gemütliches Mittagessen machen konnten. Dann fuhren Res und ich auf die Suche nach Benzin und Lebensmitteln. In Farnham funktionierte die Tankstelle der Petrocanada nicht, aber bei Ultramar konnte man Benzin bekommen…falls man Bargeld hatte, Kreditkarten werden nicht akzeptiert. Ich fand im halbdunklen Lebensmittelladen auch fast alles Notwendige. Allerdings war es dort speziell, viele Regale leer, keine gekühlten Produkte dafür die Kunden und das Personal sehr gesprächig, freundlich und hilfsbereit, man schwatzte miteinander, tauschte Erlebnisse aus oder besprach, was man kochen könnte unter diesen Umständen. Anschliessend fuhren wir nach St-Ignace, um in der Mühle Kraftfutter für die Kühe zu holen. In Bedford sah es weniger schlimm aus, das Eis an Kabeln und Bäumen ist weniger dick und nur wenig liegt am Boden. Aber auch dort ist kein Strom. Als wir gegen vier nach Hause kamen, schien fast die Sonne, und ab und zu sah man ein Fleckchen blauen Himmels, was fast Euphorie auslöste…Doch dann kam wieder eine schwarze Wolkenwand und plötzlich blitzte und donnerte es wie im Hochsommer. Das Eis fängt langsam an zu tauen, zum Teil löst es sich von den Kabeln, die noch in der Luft sind, auch aus den Bäumen fallen grosse Eisbrocken, aber auch Aeste brechen noch immer. Das Eis ist gut 8-10cm dick um alles, es ist wirklich fast nicht zu beschreiben, wie alles aussieht, wie ein Horrorfilm, ausserirdisch, unwirklich… Res hat bei der Nachbarin mit unserem Generator ein wenig Strom gemacht, jetzt ist er zurück- gekommen, die Männer sind wieder im Stall und ich schreibe bei Kerzenlicht, höre Walkman und habe drei dicke Pullover angezogen. 10.1.98 Samstagvormittag Tag vier ohne Strom, d. h. eigentlich schon der fünfte, wenn man den Montag dazu rechnet, und wie es aussieht, dauert es noch mindestens eine Woche, bis wir wieder haben. Die Stadt Montréal hat Probleme mit dem Trinkwasser und zum Teil auch mit der Lebensmittelversorgung. Ich bin so dankbar, dass wir doch immer wieder warm haben und etwas kochen können. Irgendwie stellt sich eine Art Katasrophen-Routine ein, man weiss so langsam, was mit dem Generator drinliegt und was nicht. Und ich selbst habe erstaunlicherweise viel mehr Zeit, kein Computer, kein Telefon, fast ein wenig abgeschnitten von der Welt. Die Buben helfen viel. Jetzt gerade geigt Michael, und weil es sonst so still ist im Haus, ist das richtig schön. Am Abend Ein grosses Problem ist, dass die Milch nicht mehr abgeholt wird. Wir haben jetzt fünf mal Melken im Tank, morgen bringen wir nicht mehr alles hinein. Jetzt ist Res noch losgefahren, um einen Milchchauffeur zu finden, vielleicht gelingt es, dass morgen jemand kommt. Auch Fankhauser Chrigu hat voll, dazu ist sein Generator kapputt gegangen, er war heute nachmittag da und wirkte ziemlich verzweifelt. Zum Glück hat Fridu, sein Bruder, Generatoren aus Alberta geschickt, hoffen wir für ihn, dass diese bald ankommen. Heute Nachmittag wollte Res auch eine Motorsäge kaufen gehen, um ein wenig aufzuräumen um die Bäume, aber natürlich sind auch Sägen im Moment ausverkauft, so stehen wir auf der Warteliste… vielleicht nächste Woche… Morgen hoffen wir, Diesel zu bekommen. Der Traktor am Generator braucht etwa 200 l Diesel im Tag, so sind wir dringend auf Nachschub angewiesen, sonst geht gar nichts mehr. Jetzt habe ich gerade den Wetterbericht gehört, es soll kälter werden, am Montag bis -12oC. Das wird einiges komplizieren. Bis jetzt war es immer so um null, das half, es war dann doch nicht zu kalt. Dafür hat der Regen gestern abend endlich aufgehört! 11.1.98 Sonntag Res kam dann gestern abend mit dem entmutigenden Bericht zurück, man solle die Milch ausleeren, es komme frühenstens am Montag wieder ein Camion, weil die Strassen so schlecht sind, und die tiefhängenden Kabel sind eine grosse Gefahr für die Trucks, auch laufen einige Milchver- arbeitungsfabriken nicht mehr mangels Elektrizität. So haben wir heute morgen sehr früh gemolken, damit die Kühe weniger Milch geben. Sie bekommen auch kein Kraftfutter mehr, damit wir nicht Kosten machen für Milch, die wir dann doch ausleeren müssen. Ich habe etwa 420 l Milch zentifugiert, das gab 30 l Rahm zum verbuttern. Der Milchtank wurde ganz voll. Wir beschlossen, am Abend die Milch wieder zu zentrifugieren und für Montagmorgen den mobilen Käser zu organisieren. Das war aber völlig grundloses Kummern, denn um 10 30 h kam ein Milchcamion und holte immerhin 1800 l ab, was uns wieder Platz fur zwei Melketen schafft. Und der Chauffeur sagte, er würde am Montag den Rest abholen. Man kann sich gar nicht vorstellen, wie erleichtert wir alle waren! So haben wir nur die Magermilch von heute morgen verloren. Jetzt hätte man einmal ein Milchbad nehmen könnnen.. Den Sonntag verbrachten wir im Bett mit Lesen und Schlafen, dort war es am wärmsten, wir haben nämlich den Geberator beim Haus im Dorf angeschlossen, damit Marc auch wieder einmal heizen kann. Und jetzt sind die Männer wieder alle vier im Stall am Melken, es hat ja wieder Platz im Tank! 12.1.98 Montagmorgen Es war eine kalte Nacht, (-18oC). Hier im Haus ist es angenehm, da wir gestern abend noch stark geheizt haben und ich auch von fünf bis halb sechs heute morgen etwas Strom ins Haus bekam. Ich habe gestern zwei Maschinen waschen können und die Männer haben endlich einmal geduscht. Res ist aber sehr müde, das Ganze zehrt doch an den Nerven und wir haben einige Nächte sehr schlecht geschlafen, aber wenn wir am Fernsehen (welcher Luxus am Abend!) vernehmen, wie es in den Notlagern ist, so müssen wir ja wirklich zufrieden sein! Am späten Nachmittag Die Sonne scheint warm und strahlend und bringt die Eisreste wie Diamanten zum Funkeln. Doch die traurigen Baumgerippe sehen dadurch nur noch grotesker aus. Das Dorf organisiert sich, Holz, Kerzen, Petrol für Lampen, sogar Lebensmittel und Notlager werden angeboten. Robert M. von der UPA (dem Bauernverband) kommt von Haus zu Haus, um uns mitzuteilen, dass sie einen Hilfsservice für Generatoren eingerichtet haben. Bauern aus verschonten Regionen stellen uns die ihrigen zur Verfügnung, falls unsere aussteigen oder nicht genügen. Marin, unser Nachbar kommt mit einem langen Kabel, um es bei uns einzustecken und über die Strasse zu legen. Res und er basteln den halben Nachmittag an Steckern und versuchen, auf diese Weise Strom ins Nachbarhaus zu bringen, was schlussendlich aber nicht gelingt. Eben fährt die Polizei mit Blaulicht und Sirene an unserem Haus vorbei un in den elften Rang. Was wohl da wieder los ist? Es geschehen so viele Unfälle durch diese Strompanne. In Venise sind zwei Menschen bei einem Hausbrand ums Leben gekommen, unvorsichtiges Heizen oder Umgang mit Kerzen… Der Chauffeur, der uns den Diesel bringt ist heute Vormittag in einen Graben gefahren. Er hat uns gestern Nacht um Mitternacht noch den Tank gefüllt und hat bestimmt viel zu wenig geschlafen. Zum Glück hat es ihm nichts getan. Es wird auch von Diebstählen (Generatoren!) und Hausplünderungen berichtet. Heute morgen hatten wir Angst, dass die Milch nicht mehr geladen würde, die älteste war nun doch vier Tage alt, und das Ganze (3300 l) hatte einen leicht säuerlichen Stich. Doch der Milchchauffeur entschied, Doch, doch, das geht noch! Und hat alles geladen. Die Kühlung funktioniert halt auch nicht immer einwandfrei mit dem Generator. 13.1.98 Dienstagmorgen Jetzt spielt das Wetter wiederum verrückt, nachdem es gestern so kalt war, ist es jetzt wieder über null, aber es stürmt so, dass es im Haus sofort kalt wird. So langsam bekommt man doch genug von der Situation. Es ist heute grau und trist, dazu pfeift der Sturm. Ich habe Kerzen angezündet, obwohl es Tag ist, nur damit es etwas gemütlicher wird. Und etwas Schönes muss ich doch auch berichten : Dem Baum, den ich für mein Patenkind Jana gepflanzt habe, ist kein Aestchen gebrochen! Er hatte sich zwar bis zum Boden geneigt, aber jetzt, wo das Eis weg ist, steht die kleine Eberesche wieder stolz und gerade. Am Abend Heute war fast der schwierigste Tag. Am Vormittag ist unser Generator ausgestiegen, dazu dieser saukalte Wind und später sogar Regen. Ich machte noch etwas Butter, bis der Strom ausging, aber dann war ich vom kalten Wasser in dem ich die Butter ausgeknetet hatte, so durchfroren, das ich ganz deprimiert war. Michi hat mich dann auf dem Kanapee mit seiner eigenen Decke warm eingepackt und ich habe ein wenig geschlafen. Danach ging es besser, aber ohne Strom gab es halt Café complet zum Zmittag (un 14 00 h) mit Kaffee und Tee vom Fonduerechaud. Res war es gelungen, einen Generator über den UPA-Service zu bekommen, allerdings mit Schwierigkeiten und ohne Kabel. Der Nachmittag verging dann mit der Suche nach Kabeln, Steckern, Benzin, Bargeld und Lebensmitteln, die drei letzteren Dinge waren relativ leicht zu beschaffen, ich konnte sogar zwei Flaschen des rationierten Fonduesprites erstehen. Res war weniger erfolgreich mit seinen Kabeln, kriegte aber immerhin die Stecker. Jetzt sitzen die Männer im Ford -Kleinbus (der ist heizbar, hat Licht und sogar Radio…) und setzen die Stecker zusammen. Es schneit in dicken Flocken und der heftige Wind hat nachgelassen. Mit den Kerzen und der Wärme, die vom Kaffekochen auf dem Fonduerechaud übrigbleibt, ist es nun doch wieder erträglich in der Küche. - Und jetzt sehe ich, dass im Stall Licht ist, der Ersatz-Generator scheint also zu funktionieren. Juhe! Das Polizeiauto, das ich gestern Nachmittag gesehen habe, fuhr zu einem schrecklichen Unfall : Ein älterer Mann, Nachbar von Rochats, ist mit seinem Traktor in herabhängende Drähte gefahren, diese verfingen sich am Auspuff, welcher davonspickte und den Mann erschlug. Er hatte seinen Generator nach St-Fabien gebracht um für die Kirche ein wenig Strom zu machen, und auf dem Rückweg ist das passiert. - Man sieht jetzt viel Polizei und auch die Armee ist da und soll beim Aufräumen helfen. 14.1.98 Mittwoch Weil es sehr kalt war, liessen wir den Generator die ganze Nacht laufen, damit das Wasser im Stall nicht einfriert. So war es angenehm im Haus, als ich um 6 00 h dem Männern heissen Kaffee machte, danach bin ich nochmals ins Bett geschlüpft und habe bis um 9 00 h geschlafen, seit langem wieder einmal tief und fest. Am Vormittag fuhren wir zu Philippe und Esther, bei ihnen funktioniert das Telefon, so konnte ich ein paar wichtige Anrufe erledigen und sogar schnell in die Schweiz telefonieren, um zu sagen, dass es uns gut gehe. Es gab ein schnelles Suppenzmittag, gleich danach fuhren Res un Marc weg, Res will einen stärkeren Generator kaufen. Adrian machte ganz allein im Stall weiter, Michi schlief ein wenig und ich setzte mich im Schaukelstuhl ans Fenster. Die Sonne strahlte, und obwohl es draussen um -15oC war, wurde es in der Stube auch ohne Heizung recht angenehm, so flickte ich den ganzen Nachmittag von Hand. Res und Marc kamen beim Eindunkeln zurück, Res hat jetzt einen 50 000 Watt Generator bestellt, damit sollte unser Betrieb normal funktionieren können. Er soll 8000$ kosten, eine unvorher- gesehene, aber notwendige Ausgabe. 15.1.98 Donnerstag Ein grosser Tag für unser kleines Dorf, der Premierminister Jean Chrétien besuchte Sainte-Sabine, um zu sehen wie es den Bauern hier gehe. Es war ganz lustig, das Theater zu sehen, all die Presse mit den vom Bildschirm vertrauten Gesichtern, dazu natürlich das ganze politische Gefolge, der Abgeordnete Denis Paradis, der Finanzminister, auch einige dekorierte Militärs. Unser Maire war schon nervös, konnte kaum seine vorbereitete Ansprache lesen. Der Premierminister gab einigen Dorfbewohnern die Hand, besuchte dann die Farm von Fernand Phoenix…aber wirklich nur für die Medien, wobei dieser Betrieb wirklich keine Vorzeigefarm ist. Kurz vor dem Melken kamen zwei Monteure von Hydroquébec um uns bei der Installation des geliehenen Generators zu helfen. Sie brachten auch ein gutes, dickes Kabel, so dass wir jetzt die 30 000 Watt ausnützen können. Das bedeutet, dass man mehrere Motoren aufs Mal laufen lassen kann und ich auch im Haus mehr Strom bekomme. Am Nachmittag kam Hansueli Kaiser mit seinem Generator auf dem Pickup, er hat seit gestern wieder Strom, und da er uns nicht anrufen konnte, kam er kurzerhand selbst vorbei, um nach uns zu sehen und uns seinen Generator anzubieten. Das ist ja so lieb! Res hat dann vorgeschlagen, den Generator dem Tierarzt zu leihen, der auch Schwierigkeiten hat, und Olivier hat dazu einen seiner Traktoren zur Verfügung gestellt. So helfen doch viele einander aus. 16.1.98 Freitag Wieder meine " Kerzenstunde " während des abendlichen Melkens. Das wird mir bestimmt fehlen, wenn der Strom wieder kommt. Gerüchten zufolge soll dies morgen oder übermorgen der Fall sein. Jedenfalls wurden heute am Rang de la Gare neue Stangen gesetzt, das ist doch ermutigend! Auch unser eigener alter 15 000 Watt Generator ist wieder geflickt, so konnten die Männer im Haus im Dorf auch Strom machen. Allerdings ist das Wasser eingefroren und die Wasserpumpe ist gespalten, sogar das WC und die Abläufe seien gefroren. Aber offenbar sind die Wasserleitungen nicht kaputt, nur die Pumpe. Da sind wir noch glimpflich davongekommen. 17.1.98 Samstag Wieder hoher Besuch, diesmal sogar in unserem Haus. Bill Phipps, der Moderator (das ist das " höchste " Amt in unserer Kirche) kam aus Alberta, um die Gemeinden im Eis zu besuchen. Mit ihm kamen noch andere Männer der Eglise Unie, auch unser Pfarrer. Ich hatte am Vormittag versucht, möglichst viele Leute unserer Gemeinde zu mobilisieren, aber nur Marianne konnte kommen, alle andern, die in der Nähe wohnen, konnte ich entweder nicht erreichen oder es war ihnen unmöglich, teilzunehemen. Kaum waren die Herren von der E.U. da, fuhr noch ein anderes Auto vor - die Vannods, die ebenfalls noch keinen Strom und kein Telefon haben, kamen, um nach ihren Rindern zu schauen, die bei uns den Winter verbringen. So war doch noch eine frankophone Familie unserer Gemeinde vertreten. Bill Phipps liess uns erzählen, wie wir das Ganze erleben, von unseren Schwierigkeiten und Aengsten. Wir haben uns bis jetzt ja recht gut durchgeschlagen, materiell haben wir keine enormen Schäden erlitten, die hohe Dieselrechnung und die 400 l Milch waren die hauptsächlichen Verluste, und bei den andern Familien sieht es ähnlich aus. Für uns alle war eher die psychische Belastung schwierig, der Stress und die Angst, der Generator könnte aussteigen, die Müdigkeit und ein Stück weit die Isolation, ohne Post und Telefon. Da war für uns der Kontakt und die Solidarität mit den Nächstwohnenden ganz wichtig, aber auch das Wissen, dass andere im Gebet an uns denken, was in unserer Kirche von einem Ozean zum andern auch der Fall war. Auch hat die Gesamtkirche einen Solidaritätsfonds errichtet, und wir wurden ermutigt, Notlagen zu melden. Die Männer hatten Kerzen, Lampenöl, Batterien und Arbeitshandschuhe mitgebracht, doch wir fande, dass es bestimmt Menschen gäbe, die diese Dinge nötiger hätten als wir. Es war wirklich nett und ermutigend, dieser Besuch! 18.1.98 Sonntag Heute wurde viel gearnbeitet am Rang de la Gare! Eine Montage-Kolonne aus Michigan USA, die Detroit-Edison, hat unsere Linie wieder aufgebaut. Das war sehr eindrücklich, an jedem Pfosten war ein Kranlastwagen, wir zählten 14 Stück davon, dazu die Materialtrucks, der Rang war voll, einer nach dem andern. Das ging sehr schnell. Die Monteure waren ausgesprochen nett. Als ich hinaus ging, um zu fotografieren, boten sie mir gleich an, mich mit dem Kranwagen einmal hochzuheben. Das habe ich natürlich mit Vergnügen angenommen und konnte von hoch droben ganz tolle Fotos machen. Wir haben dann fast den ganzen Nachmittag draussen verbracht und den Männern zugeschaut, es war sonnig und angenehm. Eindrücklich war auch zu sehen, wie gut diese Amerikaner im Team gearbeitet haben. Sechs, sieben oder noch mehr Männer zogen jeweils am gleichen Kabel, um es zu spannen. Bis zum Eindunkeln arbeiteten sie, und dann war unsere Stromlinie wieder instand gestellt, sogar unser Anschluss ist wieder angehängt! 19.1.98 Montag Heute über Mittag hatten wir zum ersten Mal wieder für eine Stunde Strom vom Netz! Das heisst, dass die Leitung wieder funktioniert und der Anschluss noch intakt ist. Die Post konnten wir auf dem Postbüro in Farnham abholen. Auch Farnham hat teilweise wieder Strom. Die Telefongesellschaft hat auch schon etwas gemacht, aber für uns reicht es noch nicht zum Telefonieren oder für's Internet… 20.1.98 Dienstag Ab 16 00 h hatten wir wieder Netzstrom, und ich wagte, ein wenig mit dem Computer zu arbeiten, Buchhaltung, bis der Strom wieder ausging (Wichtig :Alle zwei Minuten speichern!!). So wird das wohl nun noch eine Weile gehen, bis das Reseau wieder völlig instand gestellt ist. Man gewöhnt sich daran, und die Männer sind schnell und geübt, um den Generator bei Bedarf wieder anzuschliessen. Was in den ersten Tagen als Katastrophe empfunden wurde, ist jetzt eher noch eine Unannehmlichkeit, jedenfalls für uns. Soweit nun also unser "Tatsachenbericht von der Eisfront". Seither können wir fast immer mit dem Nezstrom arbeiten, bloss das Telefon bei uns ist noch nicht wieder angeschlossen. Ich vermisse das Internet sehr. (Uebrigens, wer es noch nicht weiss, man kann uns unter http://www.granby.net/~santschi besuchen, und unsere elektronische Adresse lautet santschi@granby.net ). Der Alltag zieht langsam wieder ein, und am Mittwoch, 28.1. soll auch die Schule wieder anfangen. Heute, den 27.1. ist es sehr kalt, letzte Nacht -32oC. Gott sei Dank haben wir Strom, so dass die Heizung funktioniert! Nun wünschen wir Euch alles Gute und grüssen ganz, ganz herzlich!

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